13.05.2016

Emotionen sind nicht nur innerlich versteckte Gefühle

RUB-Philosophen schlagen neues Modell zur Emotionserkennung vor

Menschen nehmen Gefühle anderer per Mustererkennung wahr

Philosophen der Ruhr-Universität Bochum haben ein neues Modell vorgeschlagen, das erklärt, wie Menschen Emotionen von anderen erkennen. Die Theorie besagt, dass Menschen Gefühle direkt über Mustererkennung wahrnehmen können. Sie müssen nicht auf die Gefühle schließen, indem sie das Verhalten ihrer Mitmenschen interpretieren. Das Modell beschreiben die Philosophen Prof. Dr. Albert Newen und Anna Welpinghus gemeinsam mit Prof. Dr. Georg Juckel von der LWL-Universitätsklinik für Psychiatrie in der Zeitschrift „Mind & Language“.

Eine Emotion ist ein Muster von typischen Merkmalen

Eine zentrale These des Bochumer Modells besagt, dass jede Emotion durch ein Muster von charakteristischen Merkmalen bestimmt wird, zum Beispiel physiologischen Reaktionen, Gesichtsausdruck und Gestik oder einer kognitiven Bewertung der Lage. Selbst wenn ein Mensch nicht alle Komponenten eines Emotionsmusters zeigt, etwa weil er einen neutralen Gesichtsausdruck bewahrt, reichen die restlichen Merkmale aus, das zugehörige Muster erkennbar zu machen.

Selbst bei sparsamen Hinweisen sind Emotionen wahrnehmbar

Die typischen Emotionsmuster können Menschen direkt wahrnehmen, selbst wenn die Hinweise darauf sparsam sind. „Typische Bewegungsweisen und ein Erröten lassen Ärger erkennen, auch wenn die Person ihren Gesichtsausdruck zu kontrollieren vermag“, veranschaulicht Newen. „Emotionen sind eben nicht bloß innerlich versteckte Gefühlserlebnisse, die man nur erfassen kann, indem man das Verhalten einer Person beobachtet und dann ein abwägendes Schließen vornimmt.“ Ein solches Erschließen einer Emotion komme im Alltag natürlich auch vor. Doch der übliche Weg sei das direkte Wahrnehmen der Emotion aufgrund von typischen Merkmalen, weil wir meist genug Information zur Verfügung haben.

Ein Fallbeispiel

Ein Mitarbeiter führt ein Gespräch mit dem Chef seiner Firma und hat Angst vor einer Kündigung. Typische Elemente der Angst in dieser Situation sind 1. physiologische Körperreaktionen (z.B. Herzrasen, Schwitzrate), 2. Verhaltenstendenzen (z.B. Erstarren, Fluchtreflex), 3. Ausdrucksformen (z.B. Gesichtsausdruck, Gestik, Körperhaltung), 4. ein Gefühlserlebnis der Angst, 5. eine kognitive Bewertung (z.B. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich den Arbeitsplatz verliere, aber ich brauche das Geld“) und 6. das „intentionale“ Objekt, auf das die Angst gerichtet ist (in diesem Fall die Kündigung). Das Emotionsmuster ist auch dann schon vorhanden, wenn einige typische Merkmale fehlen, etwa wenn der Mitarbeiter ein Pokerface trainiert hat. Die Merkmale müssen nur in einer minimalen Ausprägung vorhanden sein. Denn selbst, wenn wir einen Emotionsausdruck abzutrainieren versuchen, gelingt das nur begrenzt; meist verraten unwillkürliche Reaktionen wie Blickbewegungen den emotionalen Zustand trotzdem.

Förderung

Das Modell entstand im Rahmen des Projekts „Other Minds“, das das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert.

Titelaufnahme

A. Newen, A. Welpinghus, G. Juckel (2015): Emotion recognition as pattern recognition: the relevance of perception, Mind & Language, DOI: 10.1111/mila.12077

Redaktion

Dr. Julia Weiler
Dezernat Hochschulkommunikation

Quelle: www.aktuell.ruh-uni-bochum.de

25.04.2016

Sinnvolle Arbeit ist vielen wichtiger als die Bezahlung. Langzeitstudie bei Mittelständlern

Eine sinnvolle und abwechslungsreiche Tätigkeit, gute Bezahlung und die Sicherheit des Arbeitsplatzes sind die entscheidenden Kriterien für die Bindung von Arbeitnehmern an ein Unternehmen. Das hat eine Langzeitstudie am Schmalenbach Institut für Wirtschaftswissenschaften der Fachhochschule Köln ergeben. Rund 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 30 mittelständischen deutschen Unternehmen wurden über einen Zeitraum von sieben Jahren befragt.

Danach würden rund Dreiviertel aller Beschäftigten auf jeden Fall oder mit hoher Wahrscheinlichkeit noch einmal eine Tätigkeit beim derzeitigen Arbeitgeber anstreben. Allerdings behauptet fast jeder Dritte der Befragten, dass die Belegschaft sich nicht mit dem eigenen Unternehmen identifizieren kann.

Dr. Christian Ernst, Professor für Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Berufsbildung und Personalführung am Schmalenbach Institut für Wirtschaftswissenschaften, begleitet seit vielen Jahren Unternehmen bei der Organisationsentwicklung, von Mitarbeiter-Zufriedenheits-Befragungen bis hin zu Personalmanagement-Workshops. Für seine Langzeitstudie „Retention – Die Bindung von Fachkräften an den Arbeitgeber“ hat Ernst die Mitarbeiter-Befragungen der letzten sieben Jahre ausgewertet. Die grundlegende Frage der Untersuchung war: Was ist Menschen im Beruf besonders wichtig und damit eine virulente Quelle der Mitarbeiterbindung? Rund 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 30 mittelständischen Unternehmen des Profit- und Non-Profit-Bereichs haben an den Befragungen teilgenommen – im Durchschnitt rund 70 Prozent der Mitarbeiter pro Unternehmen. Befragt wurden vor allem Fachkräfte in kaufmännischen und technischen Berufen der deutschen, mittelständischen Wirtschaft sowie im Sozial- und Gesundheitswesen.

Die Hitliste der Zufriedenheitsfaktoren wird angeführt von einer angemessenen Tätigkeit, die sinnstiftend und abwechslungsreich ist. Rund 70 Prozent der Beschäftigten in Wirtschafts- und Non-Profit-Unternehmen nennen dies übereinstimmend als wichtigstes Merkmal der Zufriedenheit im Beruf. An zweiter und dritter Stelle stehen in Wirtschaftsunternehmen die Vergütung mit 60 Prozent und die Sicherheit des Arbeitsplatzes mit 52 Prozent. In sozialen und Gesundheitsberufen liegen die beiden Merkmale mit rund 50 Prozent gleichauf. „Die Top-3 sind im Zeitverlauf eine sehr stabile Größe bei den nicht-akademischen Berufen“, betont Prof. Dr. Christian Ernst. Als weitere Zufriedenheitsindikatoren gelten das unmittelbare Betriebsklima (37 Prozent Wirtschaft bzw. 44 Prozent Non-Profit), sowie Entscheidungsfreiräume bei der Arbeit (36 Prozent Wirtschaft bzw. 44 Prozent Non-Profit). Jeder Dritte (33 Prozent Wirtschaft bzw. 34 Prozent Non-Profit) nennt das Führungsverhalten des Vorgesetzten als wichtigen Faktor für die eigene Zufriedenheit.

„Die Ergebnisse der Studie dürfen jedoch nicht als Einbahnstraße gesehen werden“, sagt Professor Ernst. „Das Verhalten und die Leistung eines Mitarbeiters muss ein solches Klima natürlich rechtfertigen und darf nicht als alleinige Bringschuld des Unternehmens interpretiert werden. Zur Motivation gehören immer zwei: Ein Unternehmen, das motivieren will und kann, und ein Arbeitnehmer, der auch motivierbar ist und dies auch verdient hat.“

Auf die Frage nach Störfaktoren beklagen vor allem in den Wirtschaftsunternehmen knapp die Hälfte der Beschäftigten (48 Prozent) einen „Abteilungsegoismus“, der die abteilungsübergreifenden Zusammenarbeit erschwert. Hier seien personalpolitische Methoden noch rar gesät, so Ernst. Überraschend ist für ihn auch die mit 41 Prozent hohe Angst vor Arbeitsplatzverlust im Non-Profit-Bereich (im Gegensatz zu 34 Prozent im Profit-Bereich). „Zufriedenheit, aber auch Ängste, sind gefühlte Größen und abhängig vom Konjunkturzyklus“, sagt Ernst. In konjunkturell schlechten Zeiten steigt die Arbeitsplatzsicherheit als Kriterium deutlich an, während die Vergütung als Merkmal sinkt.

In beiden Befragtengruppen gab fast jeder Dritte an, dass viele sich mit dem eigenen Unternehmen nicht identifizieren können (28 Prozent Wirtschaft bzw. 29 Prozent Non-Profit). Auch der relativ hohe Anteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die Distanz und Misstrauen gegenüber der Geschäftsführung wahrnehmen, deutet darauf hin, dass das Management Mitarbeiternähe vermissen lässt (38 Prozent Wirtschaft bzw. 30 Prozent Non-Profit). Als Störfaktoren bei der eigenen Arbeit werden in Wirtschaftsunternehmen von rund einem Drittel der Beschäftigten Arbeits- und Termindruck sowie die Arbeitsbelastung problematisiert. Hinzu kommen Störungen bei der Arbeit, fehlende Informationen sowie umständliche Arbeitsprozesse, die als verbesserungswürdig erachtet werden.

Die Langzeitstudie zeigt außerdem, dass über die Jahre hinweg insgesamt 75 Prozent aller Beschäftigten auf jeden Fall oder mit hoher Wahrscheinlichkeit noch einmal eine Tätigkeit beim derzeitigen Arbeitgeber anstreben würden. Sechs Prozent der Mitarbeiter in Wirtschaftsunternehmen und elf Prozent in sozial-karitativen Unternehmen sind jedoch so unzufrieden, dass sie nicht noch einmal beim derzeitigen Arbeitgeber anfangen würden. Diese Gruppe wertet Prof. Dr. Christian Ernst als „Bodensatz der innerlich Gekündigten.“ Unternehmen sollten sich nach seiner Meinung mehr als bisher mit der Frage beschäftigen, wie sie sich als attraktiver Arbeitgeber nach innen wie außen positionieren können.“ Ernst empfiehlt vor allem im Sozial- und Gesundheitswesen das Human Resources Management weiter zu professionalisieren, da die zunehmende Fachkräfteknappheit in Pflegeberufen ein hohes Risiko für ein funktionierendes Gesundheitswesen darstellt.

Die Fachhochschule Köln ist die größte Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Deutschland. Mehr als 23.000 Studierende werden von rund 420 Professorinnen und Professoren unterrichtet. Das Angebot der elf Fakultäten und des ITT umfasst mehr als 80 Studiengänge aus den Ingenieur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften und den Angewandten Naturwissenschaften. Die Fachhochschule Köln ist Vollmitglied in der Vereinigung Europäischer Universitäten (EUA) und gehört dem Fachhochschulverband UAS7 an. Die EU-Kommission bestätigt der Hochschule internationale Standards in der Personalentwicklung der Forscherinnen und Forscher durch ihr Logo „HR Excellence in Research“. Die Fachhochschule Köln ist zudem eine nach den europäischen Öko-Management-Richtlinien EMAS und ISO 14001 geprüfte umweltorientierte Einrichtung und als familiengerechte Hochschule zertifiziert.

Kontakt für die Medien
Fachhochschule Köln
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Monika Probst
02 21 / 82 75 - 39 48
pressestelle@fh-koeln.de

 

Quelle: www.id-online.de

16.03.2016

Warum uns gute Lösungen blind für bessere machen

Seit den 1940er Jahren kennt die Psychologie den so genannten Einstellung-Effekt. Forscherinnen und Forscher arbeiten an einem soliden Verständnis, wie das Phänomen funktioniert.

„Unser Gehirn bevorzugt in der Regel eine bekannte, vertraute Lösung, statt auf Alternativen zu kommen“, erklärt Merim Bilalić (Institut für Psychologie). Dieses Phänomen ist bekannt, seit der amerikanische Psychologe Abraham Luchins im Jahr 1942 Experimente mit verschieden großen Wassergläsern durchführte. Die UntersuchungsteilnehmerInnen mussten die Gläser mit dem Ziel umschütten, am Ende 100 Einheiten in einem Glas zu haben. Der Weg dazu umfasste drei Schritte. Als man ihnen nun einfachere Aufgaben zu lösen gab, versuchten sie trotzdem den komplizierteren dreischrittigen Weg.
„Ähnliche Untersuchungen werden auch mit SchachspielerInnen durchgeführt“, so Bilalić. In seinen Experimenten wurden die professionellen SpielerInnen vor eine Situation gestellt, in der sie ein bekanntes fünfschrittiges Manöver („ersticktes Matt“) durchführen konnten. Sie konnten das Spiel aber auch für sich entscheiden, indem sie eine weniger vertraute, aber nur dreischrittige Strategie wählen. Die meisten SpielerInnen wählten die bekannten Spielzüge. Durch die darauf folgenden Interviews konnte nicht eruiert werden, warum sie die (einfachere) Alternative außer Acht ließen.

 

Bilalić und seine KollegInnen entschieden sich dafür, die Augenbewegungen der SpielerInnen mit einer Infrarot-Kamera aufzuzeichnen. „Wir konnten dabei feststellen, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes blind für die alternativen, aber besseren Lösungen waren“, erklärt der Psychologe. Sie blickten demnach nicht von den Feldern weg, die sie für das „erstickte Matt“ identifiziert hatten, obwohl sie behaupteten, alternative Wege untersucht zu haben. Die neu untersuchten Wege waren offensichtlich nur Variationen der schon gefundenen langen fünfschrittigen Lösung.
Diese Befangenheit sei, so Bilalić, in vielerlei Bereichen problematisch. Besonders schwierig sei der Einstellung-Effekt, weil dieses Phänomen vielen nicht bewusst sei: „Wir glauben, dass wir offen auf Probleme zugehen. Es ist aber so, dass unser Gehirn die Aufmerksamkeit unbewusst immer dorthin lenkt, wo bereits Bekanntes abgespeichert ist. Jede Information, die nicht zu der Lösung oder Theorie passt, die wir bereits verinnerlicht haben, wird tendenziell ignoriert oder ausgeblendet.“ Ärztinnen und Ärzte könnten so beispielsweise falsche Diagnosen erstellen und Richterinnen und Richter eher so entscheiden, wie sie es in vergangenen Fällen getan haben. Bilalić folgert daraus: „Wir müssen uns unserer Fehler bewusst sein, wenn wir unser Denken ernsthaft verbessern wollen.“

Quelle: www.uni-klu.ac.at

08.02.2016

UNSERE ART ZU GEHEN BEEINFLUSST, WAS WIR UNS MERKEN

Prof. Dr. Johannes Michalak von der Universität Witten/Herdecke erforschte mit Kollegen aus Kanada den Zusammenhang von Gang und emotionalem Gedächtnis / Biofeedback könnte bei Depression helfen

Wer mit hängenden Schultern dahinschlurft, wird sich eher an negative Dinge erinnern, wer fröhlich läuft, kann sich eher positive Dinge merken – so kann man die Studie von Prof. Dr. Johannes Michalak von der Universität Witten/Herdecke zusammenfassen. Er hat sie mit Kollegen von der Kanadischen Queen’s University nun veröffentlicht. (Abstract unter http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0005791614000809)

„Viele Studien belegen, dass Bewegung bei Depressionen hilfreich ist, gehen, laufen, wandern. Wir wollten wissen, ob auch die Art des Ganges Einfluss auf depressionsrelevante Prozesse hat“, beschreibt Prof. Dr. Johannes Michalak, Psychologe an der Universität Witten/Herdecke, den Ansatz. Aus früheren Untersuchungen wissen die Forscher, wie Depressive und nicht Depressive gehen (http://biomotionlab.ca/Demos/BMLdepression.html). In der aktuellen Untersuchung haben sie das Gangmuster der Probanden (39 Studierende) so verändert, dass sie entweder fröhlicher oder depressiver gelaufen sind als normal. Dann haben sie ihnen positive (z.B. mutig, attraktiv) oder negative Wörter (z.B. langweilig, dumm) dargeboten und sie sollten entscheiden, ob sie diese Wörter beschreiben. Nach acht Minuten wurde dann ein nicht angekündigter Gedächtnistest durchgeführt. Probanden, die depressiv gelaufen sind, haben mehr negative Wörter behalten (ein Muster, das auch immer wieder bei Depressiven gefunden wird), während Probanden, die fröhlich gelaufen sind, sich mehr positive Wörter gemerkt haben.

„Das zeigt uns, dass unsere Art sich zu bewegen Auswirkung darauf hat, ob wir eher positive oder negative Informationen verarbeiten. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen Körper, hier der Gangart, und der Psyche, hier der Art, welche Informationen wir uns merken. Solche Ergebnisse könnten in Zukunft dazu verwendet werden, Behandlungsmöglichkeiten für Depressionen zu entwickeln, die über eine Veränderungen von körperlichen Prozessen wirken“, erklärt Michalak.
Weitere Informationen bei Prof. Dr. Johannes Michalak, 02302- 926 787, johannes.michalak@uni-wh.de

Quelle: www.uni-wh.de

15.12.2015

Wie verschiedene Hirnareale bei Entscheidungen interagieren

Unsere Entscheidungen lassen sich im Gehirn abbilden. Welche Areale dabei am aktivsten sind, können Wissenschaftler der Universität Zürich in einer neuen Studie zeigen. Dabei ist offenbar der sogenannte präfrontale Kortex nicht nur erhöht aktiv bei Entscheidungen, die Selbstkontrolle erfordern, sondern generell bei der Entscheidungsfindung. Die Ergebnisse könnten für die Förderung von Entscheidungskompetenzen in schwierigen Situationen nützlich sein.

Der Wert eines Stücks Schokoladenkuchen ist veränderlich. Wer gerade auf Diät ist, entscheidet sich eher für das Fruchtdessert und bewertet den kalorienreichen Kuchen als ungesund. Bisherige Studien haben gezeigt, dass ein bestimmtes Netz im Gehirn aktiv ist, wenn man sich zwischen verschiedenen Auswahlmöglichkeiten entscheiden muss, deren Wert je nach Kontext variiert. Sie heben dabei die Interaktion zwischen den Neuronen zweier Hirnregionen des präfrontalen Kortex’ hervor – der Kontrollinstanz des Gehirns an der Stirnseite.

Präfrontaler Kortex bei allen Entscheidungen erhöht aktiv

Sarah Rudorf und Todd Hare vom Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Zürich können nun in ihrer neuen Studie jene Gehirnareale bestimmen, die während des Prozesses der Entscheidungsfindung am aktivsten sind. Ihre Ergebnisse weisen darauf hin, dass die neuronalen Interaktionen zwischen dem sogenannten dorsolateralen und ventromedialen präfrontalen Kortex nicht nur dann eine zentrale Rolle spielen, wenn zwischen mehreren Möglichkeiten abgewogen werden muss, sondern ganz allgemein für eine flexible Entscheidungsfindung ausschlaggebend sind. Dies widerspricht der Meinung, dass eine erhöhte Aktivität des präfrontalen Kortex’ nur dann auftritt, wenn Selbstbeherrschung verlangt ist, um zwischen gegensätzlichen Präferenzen entscheiden zu können.

Bisher wurden in den Experimenten nur Situationen betrachtet, in denen Personen gegensätzliche Wünsche in Einklang bringen müssen, um ein Ziel zu erreichen. Beispielsweise haben Probanden finanzielle Gewinne gegen Fairnessinteressen abzuwägen oder unmittelbare Gewinne gegen langfristige Auszahlungen. Sara Rudorf und Todd Hare fragten sich, was sich im Gehirn abspielt, wenn keine widersprüchlichen Wünsche gegeben sind und keine Selbstkontrolle verlangt wird.

Für ihre Studie untersuchten die Wissenschaftler mittels funktioneller Magnetresonanztomographie die Gehirne von 28 Probanden, während dem diese Auswahlfragen beantworteten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten sich dabei für Handlungen entscheiden, die stets mit einem finanziellen Gewinn verbunden waren. Allerdings änderten sich im Verlauf der Untersuchung mehrmals die Regeln, wonach eine Handlung die grösste Auszahlung mit sich brachte.

Anknüpfungspunkte für neue Therapien

«Entscheidungen, die Selbstbeherrschung verlangen, sind überaus wichtig, da sie das körperliche, gesellschaftliche und finanzielle Wohlergehen einer Person direkt beeinflussen», erklärt Sarah Rudorf. Dank der Bestimmung der Mechanismen im Gehirn, die nicht nur bei Entscheidungen, die Selbstbeherrschung verlangten, sondern auch bei generellen Entscheidungen zum Tragen kommen, könnten sich neue Anknüpfpunkte für Therapien auftun. «Man könnte Schulungsprogramme entwickeln, um bestimmte Entscheidungskompetenzen für schwierige Situationen zu fördern, in denen es auf Selbstbeherrschung ankommt», schliesst Todd Hare.

Literatur:

Sarah Rudorf und Todd Hare. Interactions between Dorsolateral and Ventromedial Prefrontal Cortex Underlie Context-Dependent Stimulus Valuation in Goal-Directed Choice. Journal of Neuroscience, November 26, 2014, 34(48):15988 –15996.

08.12.2015

Wie Stress dem Gedächtnis hilft

Emotional bedeutende Informationen bleiben am besten in Erinnerung

Hinweis auf die Entstehung von posttraumatischen Belastungsstörungen

Der Abruf von Gedächtnisinhalten funktioniert unter Stress zwar nicht gut. Aber dafür kann Stress beim Speichern neuer Informationen helfen – vor allem solchen, die in der stressigen Situation emotional bedeutend sind. An der Ruhr-Universität Bochum untersuchen Kognitionspsychologen um Prof. Dr. Oliver T. Wolf diese Zusammenhänge. Das Wissenschaftsmagazin RUBIN berichtet.

Fingiertes Bewerbungsgespräch löst Stress aus

Das Team testete, wie gut sich Menschen an Gegenstände aus einem fingierten Bewerbungsgespräch erinnern, das entweder in freundlicher oder Stress auslösender Atmosphäre stattfand – je nachdem wie sich das Gremium dem Bewerber gegenüber verhielt. Gestresste Personen erinnerten sich an mehr Gegenstände aus dem Gespräch als nicht gestresste Personen. Vor allem die Objekte, mit denen das Gremium während des Gesprächs agiert hatte, blieben im Gedächtnis. Beim Erinnern scheint es also besonders darauf anzukommen, wie eng ein Gegenstand mit dem Stressor verbunden war. „Darin liegt möglicherweise ein evolutionärer Vorteil: Emotional wichtige Dinge sind in Stresssituationen bedeutender als neutrale und werden daher besser abgespeichert“, sagt Oliver Wolf.

Zusammenhang mit posttraumatischer Belastungsstörung

Die Erkenntnisse geben auch Hinweise auf Mechanismen, die bei der Entstehung von sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen ablaufen. Dabei werden Menschen, die eine lebensbedrohliche Situation durchlebt haben, immer wieder von Erinnerungen und Albträumen heimgesucht, die mit dem bedrohlichen Ereignis in Verbindung stehen.

Ausführlicher Beitrag im Wissenschaftsmagazin RUBIN

Ein ausführlicher Beitrag inklusive Bildmaterial findet sich im Onlinemagazin RUBIN, dem Wissenschaftsmagazin der RUB: http://rubin.rub.de/de/themenschwerpunkt-stress/gedaechtnis. Text und Bilder aus dem Downloadbereich dürfen unter Angabe des Copyrights für redaktionelle Zwecke frei verwendet werden. Sie möchten über neu erscheinende RUBIN-Beiträge auf dem Laufenden bleiben? Dann abonnieren Sie unseren Newsfeed unter http://rubin.rub.de/feed/rubin-de.rss.

Redaktion

Dr. Julia Weiler
Dezernat Hochschulkommunikation

09.11.2015

Einfluss der Führung auf Gesundheit von Beschäftigten untersucht

Berlin – Das Führungsverhalten von Vorgesetzten ist bedeutsam für die Gesundheit der Beschäftigten. Gesundheitsförderliches Führungsverhalten mit nachweisbar positiven Auswirkungen auf die Gesundheit der Beschäftigten kann trainiert werden. Zu diesem Schluss kommt die neue Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), die die Ergebnisse eines über dreijährigen europäischen Verbundprojekts bündelt. Für das Projekt “Rewarding and Sustainable Health Promoting Leadership” (deutscher Titel: Wertschätzende und nachhaltige gesundheitsförderliche Führung) haben deutsche, schwedische und finnische Forschungsgruppen je zwei verschiedene Studien durchgeführt und ihre Ergebnisse zusammengetragen. Auf diese Weise war es möglich auch kulturelle Unterschiede zu untersuchen.

Die Wissenschaftler gingen in der methodisch kontrollierten Untersuchung der Frage nach, ob sich eine gute Führung tatsächlich positiv auf die Gesundheit der Beschäftigten auswirkt. Außerdem untersuchte die Studie verschiedene Merkmale über einen Zeitraum von insgesamt 22 Monaten. Hierdurch wurde es möglich Schlussfolgerungen über die “Latenzzeit” eventueller Effekte des Führungsverhaltens zu ziehen. Im Ergebnis zeigte sich, dass eine gesundheitsförderliche Führung langanhaltende Effekte auf das Engagement und die psychische Gesundheit der Beschäftigten hat. Kurzfristigere Effekte ergaben sich für das Teamklima. Deshalb ist ein langfristiges Engagement der Vorgesetzten im Bereich der gesundheitsförderlichen Führung erforderlich. Zugleich wurde deutlich, dass der Gestaltungsspielraum von Führungskräften der unteren Hierarchieebene begrenzt ist.

Für Betriebe ist eine gesundheitsförderliche Führung aus zwei Gründen von Bedeutung. Erstens stabilisiert sie deutlich das psychische Wohlbefinden der Beschäftigten und die Arbeitszufriedenheit der Beschäftigten. Zweitens können Unternehmen auf diese Weise engagierte Mitarbeiter binden und so dem drohenden Fachkräftemangel entgegenwirken.

Rewarding and sustainable healthpromoting leadership“; Thomas Rigotti, Torsten Holstad, Gisela Mohr, Christiane Stempel, Eric Hansen, Carina Loeb, Kerstin Isaksson, Kathleen Otto, Ulla Kinnunen, Kaisa Perko; 1. Auflage; Dortmund; Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2014; 249 Seiten. Die Studie gibt es im Internetangebot der BAuA unter der Adresse www.baua.de/publikationen.

Forschung für Arbeit und Gesundheit

Sichere und gesunde Arbeitsbedingungen stehen für sozialen Fortschritt und eine wettbewerbsfähige Wirtschaft. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) forscht und entwickelt im Themenfeld Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit, fördert den Wissenstransfer in die Praxis, berät die Politik und erfüllt hoheitliche Aufgaben – im Gefahrstoffrecht, bei der Produktsicherheit und mit dem Gesundheitsdatenarchiv. Die BAuA ist eine Ressortforschungseinrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Über 650 Beschäftigte arbeiten an den Standorten in Dortmund, Berlin und Dresden sowie in der Außenstelle Chemnitz.

10.07.2015

Wie Stress dem Gedächtnis hilft

Emotional bedeutende Informationen bleiben am besten in Erinnerung

Hinweis auf die Entstehung von posttraumatischen Belastungsstörungen

Der Abruf von Gedächtnisinhalten funktioniert unter Stress zwar nicht gut. Aber dafür kann Stress beim Speichern neuer Informationen helfen – vor allem solchen, die in der stressigen Situation emotional bedeutend sind. An der Ruhr-Universität Bochum untersuchen Kognitionspsychologen um Prof. Dr. Oliver T. Wolf diese Zusammenhänge. Das Wissenschaftsmagazin RUBIN berichtet.

Fingiertes Bewerbungsgespräch löst Stress aus

Das Team testete, wie gut sich Menschen an Gegenstände aus einem fingierten Bewerbungsgespräch erinnern, das entweder in freundlicher oder Stress auslösender Atmosphäre stattfand – je nachdem wie sich das Gremium dem Bewerber gegenüber verhielt. Gestresste Personen erinnerten sich an mehr Gegenstände aus dem Gespräch als nicht gestresste Personen. Vor allem die Objekte, mit denen das Gremium während des Gesprächs agiert hatte, blieben im Gedächtnis. Beim Erinnern scheint es also besonders darauf anzukommen, wie eng ein Gegenstand mit dem Stressor verbunden war. „Darin liegt möglicherweise ein evolutionärer Vorteil: Emotional wichtige Dinge sind in Stresssituationen bedeutender als neutrale und werden daher besser abgespeichert“, sagt Oliver Wolf.

Zusammenhang mit posttraumatischer Belastungsstörung

Die Erkenntnisse geben auch Hinweise auf Mechanismen, die bei der Entstehung von sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen ablaufen. Dabei werden Menschen, die eine lebensbedrohliche Situation durchlebt haben, immer wieder von Erinnerungen und Albträumen heimgesucht, die mit dem bedrohlichen Ereignis in Verbindung stehen.

Ausführlicher Beitrag im Wissenschaftsmagazin RUBIN

Ein ausführlicher Beitrag inklusive Bildmaterial findet sich im Onlinemagazin RUBIN, dem Wissenschaftsmagazin der RUB: http://rubin.rub.de/de/themenschwerpunkt-stress/gedaechtnis. Text und Bilder aus dem Downloadbereich dürfen unter Angabe des Copyrights für redaktionelle Zwecke frei verwendet werden. Sie möchten über neu erscheinende RUBIN-Beiträge auf dem Laufenden bleiben? Dann abonnieren Sie unseren Newsfeed unter http://rubin.rub.de/feed/rubin-de.rss.

Redaktion

Dr. Julia Weiler
Dezernat Hochschulkommunikation

05.07.2015

Ist Multitasking erstrebenswert?

In unserer immer schneller werdenden Arbeitswelt ist Multitasking ein wesentlicher Bestandteil. Mitarbeiter neigen dazu mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Aber ist das wirklich erstrebenswert und effizient?
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) entwickelte hierzu ein Projekt und untersuchte Fehlererkennungs- und Fehlerverarbeitungsprozesse. Im Rahmen dieses Projekts erforschten Experten, ob im Gehirn die Verarbeitung von zwei aufmerksamkeitsintensiven Prozessen simultan möglich und vorteilhaft ist.
Für die Untersuchung wurden zwei Probandengruppen gebildet. Die erste Gruppe bestand aus 20- bis 35-Jährigen und die zweite Gruppe bestand aus 50- bis 60-Jährigen. Mit Hilfe eines speziellen Verfahrens wurden hirnelektrische Aktivitäten gemessen, die Auskunft über Reaktionszeiten, Fehlerraten und fehlerbedingte Reaktionsverzögerungen gaben. Je höher die kognitive Beanspruchung der gleichzeitig auszuführenden Tätigkeiten war, desto mehr Zeit- und Ressourcenverluste, Qualitätseinbußen sowie physiologische und psychische Fehlbeanspruchungen wurden beobachtet.

Quelle:
http://www.baua.de/de/Publikationen/Fachbeitraege/F2247.htm

02.04.2015

Warum fällt uns Umlernen so schwer?

In einer Studie des Leibniz-Institutes für Neurobiologie in Magdeburg konnten Wissenschafter eine Antwort auf diese Frage finden.
Im Gehirn von Erwachsenen, sind die Neuronen von einer biologischen Matrix umgeben, die die Hirnfunktion offenbar weit mehr mitbestimmt, als bisher vermutet wurde. Diese Extrazelluäre Matrix (ECM) legt sich wie ein Netz schützend um die synaptischen Kontaktstellen zwischen den Gehirnzellen. Dadurch werden neuronale Schaltkreise stabilisiert und konserviert, was eine grundlegende Voraussetzung für die Langzeitspeicherung von Erinnerungen ist. Diese für die Erinnerung sehr wichtige Funktion ist jedoch gleichzeitig ein Hindernis, wenn es um Umlernprozesse geht.

Quelle:
http://www.pnas.org/content/111/7/2800.full.pdf+html