23.11.2015

Die gute Form des Egoismus

Wir denken zu allererst an uns. Das ist gut, solange wir nicht zu Egoisten werden. Um dem zu widerstehen, hilft es, sich den Rat einer amerikanischen TV-Ikone zu Herzen zu nehmen.

Ich möchte den heutigen Text dafür nutzen, mir eine bestimmte Sache mal wieder bewusst zu machen.

Mit ist nämlich etwas aufgefallen: Es geht mir ganz schön oft um mich. Ich schreibe über mich, ich passe auf mich auf, ich mache viele Dinge für mich. Und uns geht es auch ganz schön oft um uns. Wir bringen unsere Schäfchen ins Trockene, wir kümmern uns um das Dach über unserem Kopf und die Butter auf unserem Brot.

Zu einem gewissen Grad ist das ja auch wichtig und gut. Wenn wir uns nicht um uns selbst kümmern, für uns selbst da sind und über uns selbst nachdenken – wer macht das dann?

Bis Person Z wieder dir was Gutes tut

Aber ich habe das Gefühl, der Wert des Miteinanders rückt zunehmend in den Hintergrund. Wer das anders sieht, der kann sich ja mal für eine Stunde in einen vollen ICE setzen. Nicht nur redet niemand mit niemandem, es guckt eigentlich auch keiner jemand anderem in die Augen, es guckt eigentlich überhaupt niemand irgendwie irgendwohin. Im Prinzip ist es ein kollektives einander-ignorieren – fast schon ein sich-selbst-ignorieren. Ich bin da nicht unbeteiligt, ich ertappe mich selber dabei, wie ich mich dann versuche mich wenigstens via coole Attitüde in Luft aufzulösen. Ich verstehe auch, dass im Zug viele Menschen arbeiten oder schlafen wollen und dass nur, weil nicht alle ein Straßenfest im Gang feiern, es nicht heißt, dass alle egoistisch sind. Es geht hier ja auch nicht um das ICE-Fahren an sich, es geht um die vielen verpassten Gelegenheiten für ein schönes Miteinander. Und ich finde es zu schade drum, wenn alle aneinander vorbei, ohne nach rechts und links zu sehen.

Denn dafür gibt es auch keinen guten Grund. Außer vielleicht mangelnde Vorbilder oder übertriebenen Narzissmus. Und dass fast jeder ein internetfähiges Handy besitzt, ist für mich auch keine valide Ausrede. Denn wie wir mit unseren Handys und miteinander umgehen, dass entscheiden wir immer noch selbst. Und zwar nicht kollektiv, sondern erst mal jeder für sich. Und deshalb kann auch jeder einen Teil zu einem freundlichen Miteinander beitragen.

Daher möchte ich diesen Text dafür nutzen, auch mir wieder meinen Anteil daran bewusst zu machen. Ich möchte mir auch bewusst machen, wie wichtig es ist, auf andere zu achten und zu geben. Weil ich mich auch freue, wenn ich merke, dass jemand anders auf mich achtet. Und weil das einen positiven Kreislauf in Gang setzen kann, die sogenannte “Kindness Chain”, die Kette der Freundlichkeiten. Diese Idee und der Name stammen von der amerikanischen Talkshowlegende von Oprah Winfrey. Das bedeutet: Person A tut Person B etwas Gutes und Person B ist dadurch inspiriert Person C auch etwas Gutes zu tun, und immer so weiter. Und irgendwann, angekommen bei Person Z, tut Person Z Person A wieder etwas Gutes. (siehe Musik- und Videolink unten) Das ist eine Win-win-win-win-win-(usw.)-Situation.

Etwas für andere zu tun, kann zu einem “Helper’s High” führen

Anderen zu helfen, muss nicht immer das obligatorische alte-Dame-über-die-Straße-bringen und Katze-vom-brennenden-Baum-retten sein – obwohl das natürlich auch ernsthaft großartige Sachen sind. Es muss auch nicht immer wildfremde Leute betreffen, man kann auch in seinem eigenen Dunstkreis achtsam und freundlich sein. Und es muss auch nicht zwangsläufig mit viel (Spenden-)Geld zu tun haben.

Wer noch mehr gute Argumente braucht: Etwas für andere zu tun, kann zu einem “Helper’s High” führen, das bedeutet, dass es einen positiven physischen Einfluss auf den Körper hat und zur Endorphin-Ausschüttung führt. Bleibt die Frage, ob die Ausschüttung der eigenen Glückhormone als Motivation nicht schon wieder eine Form von Egoismus wäre … Aber wenn sie anderen gut tut, ist es aus meiner Sicht eine gute Form von Egoismus.

 

12.10.2015

Das Leben der anderen

Ach, wie cool das wäre: einmal Emma Watson sein. Oder Jimmy Fallon. Oder der Dalai Lama. Das wird natürlich nie passieren und das ist auch gut so. Denn so bleibe ich Experte. Experte für mich selbst.

Wenn ich das Leben der anderen sehe, dann bin ich oft so: “Oh man, wie cool, ich will auch!”. Dann wäre ich gern so glanzvoll wie Emma Watson, so cool wie Lena Dunham und so witzig wie Jimmy Fallon. Ich wäre gerne so weise wie der Dalai Lama, so poetisch wie Walt Whitman und so konsequent, wie ich mir vorstelle, dass Immanuel Kant es gewesen sein muss. Und ich wär gerne die, der das alles mit “Birdman” und “Chandelier” und Instagram eingefallen ist. Ich wäre auch gerne die, die dafür sorgt, dass die Nacht immer zum Tag wird und gleichzeitig der frühe Vogel, der alle Würmer fängt. Und insgeheim wäre ich gerne das, was ich an dir gut finde und auch alles das, was du überhaupt gut findest auf der Welt.  Bin ich aber nicht.

Ich will dankbar sein und zufrieden

Aber ich wäre all das wirklich gerne. Wenigstens für einen kurzen Moment, manchmal auch für länger. Nur, um mal zu wissen, wie das so ist, wie sich das wohl anfühlt, wenn man so ist. Weil ich mir das krass vorstelle und schön. Das lässt mich vielleicht neidisch und undankbar aussehen, vielleicht aber auch gar nicht zu unrecht.

Irgendwie ist das auch ein schmaler Grad zwischen Inspiration und Frustration. Ich meine, ich kann und will ja nicht ausblenden, dass es andere Menschen gibt. (Das führe ich jetzt nicht aus, das ist selbsterklärend.) Andererseits kann ich mich auch nicht zu viel damit beschäftigen und vergleichen, wie alle anderen sind und was alle anderen den ganzen Tag so machen. (Freunde und Familie ausgenommen, auch selbsterklärend). Denn das macht mich unzufrieden und unproduktiv. In der Psychologie nennt man das “relative Deprivation”. Wenn ich mich mit besseren Dingen vergleiche, macht es mich unzufrieden, egal, wie gut ich es hab. Das will ich nicht. Ich will dankbar sein und zufrieden. Und ich will mich für andere mitfreuen.

Außerdem: Wer sind die denn eigentlich, “die anderen”? Ich habe noch nie jemanden getroffen, der mir bestätigen konnte, zu der Gruppe “der anderen” zu gehören. Das ist ein Konstrukt. Manchmal frage ich mich Sachen wie: “Ob die anderen mich komisch finden?”. Aber wenn alle so denken, dann denken ja alle nur über sich nach, dann hat ja auch niemand Zeit, mich zum Beispiel komisch zu finden.

Und wie soll ich überhaupt anhand weniger Anhaltspunkte beurteilen, ob es jemand anders wirklich besser hat und ob mein Leben wirklich besser wäre, wenn ich so witzig wäre wie Jimmy Fallon? (Wobei…). Ich glaube da an die Gaußsche Normalverteilung innerhalb eines jeden Lebens.

Fakt ist: Ich bin niemand anders und ich werde es nie sein. Und je länger ich darüber nachdenke, desto besser finde ich das. Ich mag es, ich zu sein. Und ich bin sehr dankbar dafür. Ich will niemand anders sein. Tatsächlich nicht. Es ist viel spannender, immer ich zu sein. Weil ich dann Experte auf einem Gebiet bin. Weil ich dann eine durchgehende Geschichte habe. Ich sitze hinter meinen Pupillen in der ersten Reihe meines Lebens und bekomme alles aus erster Hand mit, seit der ersten Stunde. Niemand weiß über meine Sicht so viel wie ich. Das ist etwas sehr Exklusives. Ich kenne alle Fragen, Gefühle, Gedanken, Geheimnisse und Ideen aus der sichersten Quelle. Wenn mir jemand in die Augen schaut, dann schaue ich zurück. Wenn ich über etwas lache, dann weiß ich, warum, dann geht die Freude durch meinen Körper. Wenn ich traurig bin, dann bin ich als erstes empathisch. Wenn ich nicht ich wäre, dann würde ich auf alles verzichten, was mich ausmacht. Meine Werte, Beziehungen, Erfahrungen, Erinnerungen – ich würde meine Geschichte verlieren und damit meine Identität. Nüchtern betrachtet: Ein Projekt, an dem ich seit 23 Jahren Tag und Nacht arbeite. Anders betrachtet: meinen Sinn.

Wer würde den Job übernehmen, ich zu sein?

Ja, manchmal hätte ich gerne für einen Augenblick den Alltag und die Eigenschaften anderer Menschen. Weil ich mir anmaße zu denken, dass dadurch so vieles einfacher für mich wäre. Vielleicht ist es das, vielleicht aber auch gar nicht. Und so oder so können sie ja immer noch meine Vorbilder sein. Und ansonsten werde ich meine Energie dafür nutzen, bei mir selbst zu bleiben.

Ich könnte hier auch gar nicht weg – wer würde diesen Job übernehmen? Wer würde für mich zu Ende bringen, was ich angefangen habe? Wenn ich nicht ich wäre, dann würde ich mich ganz schön vermissen. Es erscheint mir weniger wichtig, sehr cool, sehr glanzvoll, sehr witzig zu sein – sondern wichtiger, ich zu sein. Auch, wenn mich das manchmal herausfordert. Was auch immer mir als nächstes passiert: Ich sitze in der ersten Reihe. Ich bestimme mit. Ich ziehe meine Schlüsse, ich plane die nächsten Schritte. Mal im Ernst: Wie cool ist das denn?!

14.09.2015

Wie man immer das Richtige tut

Ich muss euch enttäuschen: Ich weiß es nicht! Und: Ich persönlich würde auch niemandem glauben, der mir erzählt, er wüsste, was das “Richtige” ist.

Und damit herzlich willkommen zu meinem zweiten How-to-guide (letztes Mal habe ich ja über das Loslassen geschrieben). Das hier ist weniger eine Anleitung als viel mehr eine Frage. Nach dem Prinzip: Erst ins Wasser springen und dann schwimmen lernen. Abgesehen davon, dass ich an sich zwar schwimmen kann (ich habe sogar den Pinguin UND das Seepferdchen gemacht), bin ich nämlich nicht ganz sicher, wie und ob ich immer das Richtige tun kann und will. Willkommen also zu meinem I-don’t-know-how-to-either-but-I-am-trying-guide.

Soll ich lieber genug Schlaf oder genug Tag haben? Soll ich dieses Wochenende spontan wegfahren? Soll ich die Klausur verschieben? Soll ich einen günstigen oder einen guten Kühlschrank kaufen? Soll ich dich anrufen oder dir schreiben oder warten, bis du das machst?

Selbstvertrauen und Verantwortung zählen

Ich würde gerne immer das Richtige tun. Wie geht das? Die dringendste Gegenfrage ist: Gibt es “das einzig Richtige” und wenn ja, was ist es und wer beurteilt das und wann? Das ist alles so vage, dass es “das einzig Richtige” meiner Ansicht nach schon mal nicht geben kann. Zack!

Gibt es denn aber “das für mich in dem Moment Richtige”? Und wenn ja, kann ich es jemals rausfinden? Was für mich in dem Moment das Richtige ist, das kann ja nur ich beurteilen. Das heißt, ich kann mir durchaus Rat einholen und es kann mir jemand Vertrautes den Rücken stärken, aber abnehmen kann mir die Beurteilung keiner. Außerdem kann mehr Rat auch für mehr Verwirrung sorgen. Das heißt, dass “das für mich in dem Moment Richtige” festzulegen unfassbar viel mit Selbstvertrauen und Verantwortung zu tun hat.

Wäre es denn eigentlich schlimm, nicht “das Richtige” zu tun? Und wenn es nicht schlimm wäre, ist es dann nicht vielleicht auch “das Richtige”? Kann ich nicht alles durch einen guten Umgang und einer guten Ansicht zu “dem Richtigen” machen? Denn auch, wenn ich nicht alles beeinflussen kann, was mir passiert oder etwas anders läuft als geplant: Ich kann immer noch entscheiden, wie ich das sehe und wie ich damit umgehe.

Ich habe viel zu lange bei Entscheidungsfragen immer gedacht: “Uh, was, wenn es schiefläuft?” oder: “Ach, warum sollte es denn gut gehen?”. Nichts gegen eine gesunde Skepsis, aber zumindest etwas gegen unangemessenen Pessimismus. Vor noch nicht allzu langer Zeit ist mir aufgefallen, dass ich fürs exakt Gleiche auch denken kann: “Uh, was, wenn es glattläuft?” oder: “Warum sollte es eigentlich nicht gutgehen?” oder verneinungsfrei: “Es wird schon gut gehen.” Das macht um einiges mehr Spaß. Die Rechnung ist simpel: Egal, was ich mache, und egal, was das Ergebnis dessen ist, mit einer positiven Einstellung habe ich letztlich eine bessere Zeit. Optimismus macht gute Laune. Eine Freundin hat mir neulich dieses Zitat geschickt: “Es gibt nur ein Anzeichen für Weisheit: gute Laune, die anhält.” Find ich plausibel.

“Du kannst deine Einstellung verändern!” – oft, wenn jemand so etwas zu mir gesagt hat, dachte ich: “Du hast gut reden. Erst mal muss sich mein Leben ins unermesslich Utopische verändern und erst dann kann ich auch entspannt eine gute Einstellung haben!”. Aber es geht tatsächlich andersrum. Ich halte mittlerweile einiges von der Kraft der eigenen Gedanken und sich selbsterfüllenden Prophezeiungen. Wer Gutes denkt und Gutes tut, der bekommt das auch zurück. Jeder kann seine Einstellung verändern, wenn er will.

Ich glaube also, dass in vielen Fällen eine gute Einstellung beim Machen und Tun das ist, was der Bezeichnung “richtig” vielleicht am nächsten kommen könnte.

Was genug Schlaf und Tag angeht, so wechsele ich die Prioritäten diesbezüglich intuitiv hin und her. Am Wochenende bin ich übrigens zuhause geblieben. Ich hab schon mal Klausuren verschoben, aber das war eigentlich nie die beste aller Ideen, weil sich die Sachlage nicht verbessert. Ich besitze einen günstigen Kühlschrank, der manchmal so surrt wie Grumpycat aussieht, Hashtag Haustierpotential. Und ich werde dich nachher mal anrufen.

All das ist wieder mit neuen Möglichkeiten und Entscheidungen verbunden. Und all das hat das Potential, etwas Gutes zu werden. Und so falsch kann das ja gar nicht ein, somit also sogar richtig.

Was, wenn alles gut geht? Ich bin dafür bereit.

12.07.2015

“Ich” statt “man”

stern-Stimme Julia Engelmann wehrt sich gegen die sprachliche Distanzierung von der eigenen Person. Das “Ich” zu benutzen mache verwundbar, daher verwenden wir so häufig “man”. Von Julia Engelmann

Eigentlich sollte es diese Woche in diesem Text um etwas anderes gehen. (Mit etwas Negativem zu beginnen ist immer ganz prima, läuft bis jetzt). Allerdings bin ich beim Schreiben auf ein Thema gestoßen das mich schon eine halbe Ewigkeit beschäftigt: Die allgegenwärtige Angewohnheit, “man” synonym für “ich” zu benutzen. Und mit “synonym benutzen” meine ich eigentlich: “man” versteckt sich hinter der Allgemeinheit und distanziert sich sprachlich unnötig von sich selbst. Und mit “man” meine ich in diesem Fall: auch einige andere, vor allem aber mich.

Ich empfinde es als herausfordernd einen Text über dieses Thema zu schreiben, ohne dass ich dabei in das Fettnäpfchen trete, das ich mir grade liebevoll aufstelle. Ich tue es trotzdem, weil heute Sonntag ist. Die Sache ist: “Man” und “ich” ist nicht das Gleiche. Mit “man” treffe ich eine allgemeine Aussage und mit “ich” eine persönliche.
Das sind mögliche Fälle, in denen ich das “man” gut gebrauchen kann: Wenn ich über die Uni rede: “Man muss den Semesterbeitrag bis gestern bezahlen.” Oder über Benimmregeln: “Man nimmt die Dessertgabel nie vor Sonnenuntergang”. (Ich hab keine Ahnung von Knigge, aber so stell ich mir das vor) Oder über Gratiskugelschreiber: “Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul”. (Auch das kann eine Grauzone sein.) Wenn ich aber eine persönliche Aussage machen will, warum sollte ich dann die Allgemeinheit vorschieben? Dann kann ich auch von mir sprechen, müsste – ja, will(!) ich sogar. Mache ich aber allzu oft nicht. Wenn ich “man” statt “ich” sage ist das als ob ich ein Schutzschild-Joker hochhalte auf dem “Ich habe nichts mit mir zu tun” steht. Wenn ich “man” sage, mache ich mir vielleicht sogar etwas vor, ich beschönige Dinge und rede mir ein, passiver zu sein als ich bin. Das ist dann keine Frage meiner Sprache mehr, das ist eine Frage meiner Haltung.

“Man kann ja nicht aufhören”
Hier ein tagesaktuelles Beispiel aus meinem Leben: “Ich wollte gestern Nacht nicht mehr so lange Youtube-Videos schauen, aber wenn man einmal anfängt, kann man nicht mehr aufhören.” Und hier folgt meine Besprechung: Klar, kann ich mit dem Youtube-Video-Gucken aufhören, wann ich will! Die Wahrheit ist: ich wollte aber nicht! Weil ich hedonistisch auf dem Sofa rumgegammelt habe während meine Willenskraft neben mir ein Nickerchen abhielt. “Man kann ja nicht aufhören” ist nämlich mein Aphorismus für “Ich bin bequem”. Nur, weil es vielleicht auch noch jemand anderem so geht wie mir, wird daraus kein Naturgesetz. Denn es geht auch bestimmt immer jemand anderem anders. “Ich” zu benutzen macht mich verletzlicher, übernimmt Verantwortung und lässt weniger Platz zum Schummeln und Jammern. Ich bin damit nicht nur selber näher an mir und meiner Wahrheit dran – ich lasse auch andere näher an mich heran.

Und “Ich vermisse dich, weil wir uns schon so lange nicht gesehen haben” ist in meinen Augen schon um einiges hochwertiger als “Wenn man sich lange nicht sieht, vermisst man sich halt”. “Man muss das ja machen” ist übrigens ein weiterer, großartiger Klassiker-Satz, den ich mich schon oft sagen hab hören. Die Wahrheit ist aber meistens: “Ich will das.” Klar, manchmal meine ich auch “Ich will das nicht” – aber dann kann ich es entweder lassen oder mich aufgrund einer höheren Priorität doch dafür entscheiden, und damit will es ja indirekt doch. “Muss” und “will” ist nämlich auch nicht das Gleiche. Fazit: Ich will öfter “ich” sagen, wenn ich mich meine. Und öfter du, wenn ich dich meine. Weil ich auch will, dass ich dich oder mich meine. So. Das kann man sich ja mal durch den Kopf gehen lassen.

Mein Soundtrack zum Text: Käptn Peng – “Sie mögen sich” (“Man mag sich”)

28.06.2015

Die Kunst des Loslassens

Julia Engelmann denkt über eine wichtige Fähigkeit von uns allen nach: die Kunst des Loslassens – und sie erkennt: Wir meistern Umbrüche mit Mut und Vertrauen in die Zukunft. Von Julia Engelmann

Diese Kunst beherrsche ich schon mal nicht. Wobei ich eigentlich ja super gut im Loslassen bin. Und mit “super gut” meine ich, “ich versuche es ab und an”, und mit “Loslassen” meine ich, “offiziell ja, insgeheim nein”.

“Let go, let go, it’s all right, ’cause there’s beauty in the breakdown” singt Frou Frou in ihrem Lied “Let Go”. Wenn ich das mit meinem Sitcom-Englisch übersetze, heißt das: “Lass los, lass los, es ist alles okay, denn es liegt Schönheit im Zusammenbruch”. Wobei ich Zusammenbruch auch sinngemäß als Ungewissheit verstehe. Ungewissheit ist also schön. Warum nochmal?

Die Sache ist: Wenn ich an Dingen festhalten will, die ich gar nicht festhalten kann, tue ich mir vielleicht selbst keinen Gefallen. Denn ich schränke mich damit selbst ein. Ich beraube mich freiwillig meiner inhaltlichen und konkreten Freiheit – also im Kopf und auch im Alltag. Außerdem endet das Ganze zwangsläufig in einer Enttäuschung. Denn Festhalten ist eine Täuschung. Trotzdem will ich mich manchmal gerne täuschen.

Es gibt so vieles, das ich festhalten will
Es gibt so vieles, das ich gerne für immer festhalten will. Den jetzigen Moment, Sonnenaufgang am Meer, ein Sommerabend am Weserufer mit Freunden, tanzen, bis es draußen hell wird, ein entspanntes Sonntagsfrühstück, gute Gespräche, lange Freizeitepisoden, feste Freundschaften, schöne Familienerlebnisse, körperliche und geistige Fitness, Kreativitätsflow, das Gefühl, jung zu sein und dass mir noch so viel bevor und offen steht, das Gefühl, etwas geschafft zu haben, das Gefühl, ausgeschlafen zu sein, das Gefühl, im Einklang mit allem zu sein, das Gefühl, glücklich zu sein – und die Zeit mit dir.

Aber das geht nicht. Ich kann all das nicht festhalten und ich weiß nicht, was aus all diesen Dingen wird, ob sie bleiben, ob sie wiederkommen, was als nächstes passiert. Das macht mich traurig und unsicher. Die Ungewissheit zu akzeptieren und ihr offenen Herzens entgegenzusehen, kostet viel Mut.

Ja, Sonnenaufgänge und Sonntage kommen wieder ebenso wie vermutlich gute Gespräche und Sommerabende wiederkommen. Aber sie werden nie wieder dieselben sein. Genauso wie der jetzige Moment.

Friedenschließen mit Veränderung
Es folgen neue Momente, die genauso das Potential haben, alles zu werden. Wenn ich für immer in der Vergangenheit leben will, blende ich mögliche schöne, überraschende, heilsame, stärkende Entwicklungen und die Gegenwart und auch die Zukunft aus. Aber die Gegenwart wird sowieso zur Zukunft, dann kann ich ihr auch offen ins Gesicht sehen, sie mögen und Vertrauen haben.

Trotzdem ist das Festhalten wollen okay, sogar etwas Gutes und Wichtiges. Denn es ist vielleicht eine Art Qualitätssiegel für Momentaufnahmen, vielleicht ein Hinweis, auf dem richtigen Weg zu sein. Es bedeutet, dass etwas von Bedeutung ist. Und es ist in Form von Erinnerungen wie durch Bilder, Worte und Dingen ja auch nicht unmöglich.

Vielleicht bedeutet gutes Loslassen gar nicht, “nie festhalten-wollen”, sondern vor allem die Akzeptanz und in letzter Konsequenz sogar das Friedenschließen mit der Veränderung. Denn Leben bedeutet schließlich Veränderung. Und vielleicht bedeutet Loslassen, Vertrauen zu haben, dass wenn ein Moment vergeht, ein anderer guter an seine Stelle treten wird.

Und vielleicht ist Ungewissheit dann auch etwas Schönes, weil schöne Dinge bevorstehen und alles möglich ist. Und vielleicht ist dann wirklich alles okay.

Wer gut im Loslassen ist, hebe jetzt bitte die Hände. Okay, na toll, ich kann immer noch mit zehn Fingern tippen.

Mein Soundtrack zum Text: “Let go” – Frou Frou

Original:
http://www.stern.de/panorama/julia-engelmann/julia-engelmann-die-kunst-des-loslassens-2189773.html

25.05.2015

Ab heute wird alles anders

stern-Stimme Julia Engelmann legt los: Neustart, Stunde Null, erster Tag vom Rest meines Lebens. Ich weiß, das habe ich schon oft gesagt. Aber diesmal ist es wirklich so. Von Julia Engelmann

uf drei geht’s los.

Ich hab mich jetzt viel zu lange wie ein verkaterter Phönix in meiner eigenen Asche gewälzt. Ich hab meine Wiedergeburt vor mir hergeschoben wie ‘nen Buggy am Sonntag im Prenzlauer Berg. Ich bin vor langer Zeit mal in mich gegangen und seitdem schweigsam da geblieben. Mein Winterschlaf geht schon über mehrere Winter, nächstes Jahr sind es schon sieben. Ich hab mich wie eine Perle in einer Auster versteckt, die noch nicht mal bei Google Maps „Orte“ zulässt. Versteckt wie ein Kind in einer Festung aus Decken und Kissen mit Schildern aus Floskeln und Witzen gerüstet.

Ich trage immer noch diese alte Maske als Schutz, darauf ist mein Gesicht von vorgestern gedruckt, und ich weiß doch, dass du sie so gerne anguckst.

Warum ich mich versteckt habe, fragst du?

Ich hatte Angst und ich habe sie noch. Ja, ich habe Angst. Davor, mich so zu zeigen, wie ich eigentlich schon längst geworden bin und davor, was du dann von mir denkst. Angst davor, dass du mich dann nicht mehr magst, nicht verstehst und nicht erkennst. Denn du kannst mich nicht ablehnen, solange du mein wahres Gesicht nicht siehst. Aber du kannst mich auch nicht mögen, geschweige denn lieben.

Ich hab lange gebraucht, um das echt zu begreifen. Ich brauchte Ausdauer, Ruhe und ausreichend Abstand für neue Blickwinkel wie zum Beispiel beim Handstand. Um wieder an mich zu glauben, war es wichtig zu zweifeln.
Eins.

Ich glaube nicht, dass ich je ohne Angst sein werde oder dass das irgendjemand ist. Aber darauf zu hören und mich selbst aufzuhalten, ist keine echte Option mehr für mich. Ich habe nichts mehr zu verbergen, nicht vor mir, nicht vor dir. Ab heute geht’s los, dieser Tag ist goldrichtig dafür. Mich selbst zu verstecken, ist wie mein Leben verschenken, ist wie mein eigenes Schiff nicht nach vorne zu lenken.

Zwei.

Ich schüttle meine Asche ab wie ein Hund das nasse Wasser. Ich wecke mich aus dem Winterschlaf, ich war niemals vorher wacher. Ich steche Luftlöcher in meinen Kissenkokon und lasse frischen Wind herein. Ich werfe alte Schilder weg, ich werde trotzdem sicher sein. Ich durchtrete meinen Tellerrand wie alte, verstaubte Kulissen. Ich trete an den Horizont ran, wie an tauende, reißende Flüsse und sehe, dass ich keine Scheibe bin, sondern rund und ganz, wie eine Diskokugel dreh ich mich jetzt, und ich bitte mich selber zum Tanz.

Ab heute wird alles anders. Neustart, Stunde Null, erster Tag vom Rest meines Lebens. Ich weiß, das hab ich schon oft gesagt. Aber diesmal ist es wirklich so.

Meine alte Maske setze ich ab, das hier ist mein echtes Gesicht. Über so viele Winter will ich nie wieder warten, ich spiel jetzt Verstecken mit offenen Karten, darauf bin ich stolz und ich fürchte mich nicht. Es war schon längst Zeit aus mir rauszukommen, ich war hier viel zu lange drin. Aber jetzt bin ich zurück, jetzt siehst du, wie ich längst schon bin.

Drei.

Mein Soundtrack zum Text: Fink- „Looking too Closely“