12.10.2015

Das Leben der anderen

Julia Engelmann

Ach, wie cool das wäre: einmal Emma Watson sein. Oder Jimmy Fallon. Oder der Dalai Lama. Das wird natürlich nie passieren und das ist auch gut so. Denn so bleibe ich Experte. Experte für mich selbst.

Wenn ich das Leben der anderen sehe, dann bin ich oft so: “Oh man, wie cool, ich will auch!”. Dann wäre ich gern so glanzvoll wie Emma Watson, so cool wie Lena Dunham und so witzig wie Jimmy Fallon. Ich wäre gerne so weise wie der Dalai Lama, so poetisch wie Walt Whitman und so konsequent, wie ich mir vorstelle, dass Immanuel Kant es gewesen sein muss. Und ich wär gerne die, der das alles mit “Birdman” und “Chandelier” und Instagram eingefallen ist. Ich wäre auch gerne die, die dafür sorgt, dass die Nacht immer zum Tag wird und gleichzeitig der frühe Vogel, der alle Würmer fängt. Und insgeheim wäre ich gerne das, was ich an dir gut finde und auch alles das, was du überhaupt gut findest auf der Welt.  Bin ich aber nicht.

Ich will dankbar sein und zufrieden

Aber ich wäre all das wirklich gerne. Wenigstens für einen kurzen Moment, manchmal auch für länger. Nur, um mal zu wissen, wie das so ist, wie sich das wohl anfühlt, wenn man so ist. Weil ich mir das krass vorstelle und schön. Das lässt mich vielleicht neidisch und undankbar aussehen, vielleicht aber auch gar nicht zu unrecht.

Irgendwie ist das auch ein schmaler Grad zwischen Inspiration und Frustration. Ich meine, ich kann und will ja nicht ausblenden, dass es andere Menschen gibt. (Das führe ich jetzt nicht aus, das ist selbsterklärend.) Andererseits kann ich mich auch nicht zu viel damit beschäftigen und vergleichen, wie alle anderen sind und was alle anderen den ganzen Tag so machen. (Freunde und Familie ausgenommen, auch selbsterklärend). Denn das macht mich unzufrieden und unproduktiv. In der Psychologie nennt man das “relative Deprivation”. Wenn ich mich mit besseren Dingen vergleiche, macht es mich unzufrieden, egal, wie gut ich es hab. Das will ich nicht. Ich will dankbar sein und zufrieden. Und ich will mich für andere mitfreuen.

Außerdem: Wer sind die denn eigentlich, “die anderen”? Ich habe noch nie jemanden getroffen, der mir bestätigen konnte, zu der Gruppe “der anderen” zu gehören. Das ist ein Konstrukt. Manchmal frage ich mich Sachen wie: “Ob die anderen mich komisch finden?”. Aber wenn alle so denken, dann denken ja alle nur über sich nach, dann hat ja auch niemand Zeit, mich zum Beispiel komisch zu finden.

Und wie soll ich überhaupt anhand weniger Anhaltspunkte beurteilen, ob es jemand anders wirklich besser hat und ob mein Leben wirklich besser wäre, wenn ich so witzig wäre wie Jimmy Fallon? (Wobei…). Ich glaube da an die Gaußsche Normalverteilung innerhalb eines jeden Lebens.

Fakt ist: Ich bin niemand anders und ich werde es nie sein. Und je länger ich darüber nachdenke, desto besser finde ich das. Ich mag es, ich zu sein. Und ich bin sehr dankbar dafür. Ich will niemand anders sein. Tatsächlich nicht. Es ist viel spannender, immer ich zu sein. Weil ich dann Experte auf einem Gebiet bin. Weil ich dann eine durchgehende Geschichte habe. Ich sitze hinter meinen Pupillen in der ersten Reihe meines Lebens und bekomme alles aus erster Hand mit, seit der ersten Stunde. Niemand weiß über meine Sicht so viel wie ich. Das ist etwas sehr Exklusives. Ich kenne alle Fragen, Gefühle, Gedanken, Geheimnisse und Ideen aus der sichersten Quelle. Wenn mir jemand in die Augen schaut, dann schaue ich zurück. Wenn ich über etwas lache, dann weiß ich, warum, dann geht die Freude durch meinen Körper. Wenn ich traurig bin, dann bin ich als erstes empathisch. Wenn ich nicht ich wäre, dann würde ich auf alles verzichten, was mich ausmacht. Meine Werte, Beziehungen, Erfahrungen, Erinnerungen – ich würde meine Geschichte verlieren und damit meine Identität. Nüchtern betrachtet: Ein Projekt, an dem ich seit 23 Jahren Tag und Nacht arbeite. Anders betrachtet: meinen Sinn.

Wer würde den Job übernehmen, ich zu sein?

Ja, manchmal hätte ich gerne für einen Augenblick den Alltag und die Eigenschaften anderer Menschen. Weil ich mir anmaße zu denken, dass dadurch so vieles einfacher für mich wäre. Vielleicht ist es das, vielleicht aber auch gar nicht. Und so oder so können sie ja immer noch meine Vorbilder sein. Und ansonsten werde ich meine Energie dafür nutzen, bei mir selbst zu bleiben.

Ich könnte hier auch gar nicht weg – wer würde diesen Job übernehmen? Wer würde für mich zu Ende bringen, was ich angefangen habe? Wenn ich nicht ich wäre, dann würde ich mich ganz schön vermissen. Es erscheint mir weniger wichtig, sehr cool, sehr glanzvoll, sehr witzig zu sein – sondern wichtiger, ich zu sein. Auch, wenn mich das manchmal herausfordert. Was auch immer mir als nächstes passiert: Ich sitze in der ersten Reihe. Ich bestimme mit. Ich ziehe meine Schlüsse, ich plane die nächsten Schritte. Mal im Ernst: Wie cool ist das denn?!