23.11.2015

Die gute Form des Egoismus

Julia Engelmann

Wir denken zu allererst an uns. Das ist gut, solange wir nicht zu Egoisten werden. Um dem zu widerstehen, hilft es, sich den Rat einer amerikanischen TV-Ikone zu Herzen zu nehmen.

Ich möchte den heutigen Text dafür nutzen, mir eine bestimmte Sache mal wieder bewusst zu machen.

Mit ist nämlich etwas aufgefallen: Es geht mir ganz schön oft um mich. Ich schreibe über mich, ich passe auf mich auf, ich mache viele Dinge für mich. Und uns geht es auch ganz schön oft um uns. Wir bringen unsere Schäfchen ins Trockene, wir kümmern uns um das Dach über unserem Kopf und die Butter auf unserem Brot.

Zu einem gewissen Grad ist das ja auch wichtig und gut. Wenn wir uns nicht um uns selbst kümmern, für uns selbst da sind und über uns selbst nachdenken – wer macht das dann?

Bis Person Z wieder dir was Gutes tut

Aber ich habe das Gefühl, der Wert des Miteinanders rückt zunehmend in den Hintergrund. Wer das anders sieht, der kann sich ja mal für eine Stunde in einen vollen ICE setzen. Nicht nur redet niemand mit niemandem, es guckt eigentlich auch keiner jemand anderem in die Augen, es guckt eigentlich überhaupt niemand irgendwie irgendwohin. Im Prinzip ist es ein kollektives einander-ignorieren – fast schon ein sich-selbst-ignorieren. Ich bin da nicht unbeteiligt, ich ertappe mich selber dabei, wie ich mich dann versuche mich wenigstens via coole Attitüde in Luft aufzulösen. Ich verstehe auch, dass im Zug viele Menschen arbeiten oder schlafen wollen und dass nur, weil nicht alle ein Straßenfest im Gang feiern, es nicht heißt, dass alle egoistisch sind. Es geht hier ja auch nicht um das ICE-Fahren an sich, es geht um die vielen verpassten Gelegenheiten für ein schönes Miteinander. Und ich finde es zu schade drum, wenn alle aneinander vorbei, ohne nach rechts und links zu sehen.

Denn dafür gibt es auch keinen guten Grund. Außer vielleicht mangelnde Vorbilder oder übertriebenen Narzissmus. Und dass fast jeder ein internetfähiges Handy besitzt, ist für mich auch keine valide Ausrede. Denn wie wir mit unseren Handys und miteinander umgehen, dass entscheiden wir immer noch selbst. Und zwar nicht kollektiv, sondern erst mal jeder für sich. Und deshalb kann auch jeder einen Teil zu einem freundlichen Miteinander beitragen.

Daher möchte ich diesen Text dafür nutzen, auch mir wieder meinen Anteil daran bewusst zu machen. Ich möchte mir auch bewusst machen, wie wichtig es ist, auf andere zu achten und zu geben. Weil ich mich auch freue, wenn ich merke, dass jemand anders auf mich achtet. Und weil das einen positiven Kreislauf in Gang setzen kann, die sogenannte “Kindness Chain”, die Kette der Freundlichkeiten. Diese Idee und der Name stammen von der amerikanischen Talkshowlegende von Oprah Winfrey. Das bedeutet: Person A tut Person B etwas Gutes und Person B ist dadurch inspiriert Person C auch etwas Gutes zu tun, und immer so weiter. Und irgendwann, angekommen bei Person Z, tut Person Z Person A wieder etwas Gutes. (siehe Musik- und Videolink unten) Das ist eine Win-win-win-win-win-(usw.)-Situation.

Etwas für andere zu tun, kann zu einem “Helper’s High” führen

Anderen zu helfen, muss nicht immer das obligatorische alte-Dame-über-die-Straße-bringen und Katze-vom-brennenden-Baum-retten sein – obwohl das natürlich auch ernsthaft großartige Sachen sind. Es muss auch nicht immer wildfremde Leute betreffen, man kann auch in seinem eigenen Dunstkreis achtsam und freundlich sein. Und es muss auch nicht zwangsläufig mit viel (Spenden-)Geld zu tun haben.

Wer noch mehr gute Argumente braucht: Etwas für andere zu tun, kann zu einem “Helper’s High” führen, das bedeutet, dass es einen positiven physischen Einfluss auf den Körper hat und zur Endorphin-Ausschüttung führt. Bleibt die Frage, ob die Ausschüttung der eigenen Glückhormone als Motivation nicht schon wieder eine Form von Egoismus wäre … Aber wenn sie anderen gut tut, ist es aus meiner Sicht eine gute Form von Egoismus.