28.06.2015

Die Kunst des Loslassens

Julia Engelmann

Julia Engelmann denkt über eine wichtige Fähigkeit von uns allen nach: die Kunst des Loslassens – und sie erkennt: Wir meistern Umbrüche mit Mut und Vertrauen in die Zukunft. Von Julia Engelmann

Diese Kunst beherrsche ich schon mal nicht. Wobei ich eigentlich ja super gut im Loslassen bin. Und mit “super gut” meine ich, “ich versuche es ab und an”, und mit “Loslassen” meine ich, “offiziell ja, insgeheim nein”.

“Let go, let go, it’s all right, ’cause there’s beauty in the breakdown” singt Frou Frou in ihrem Lied “Let Go”. Wenn ich das mit meinem Sitcom-Englisch übersetze, heißt das: “Lass los, lass los, es ist alles okay, denn es liegt Schönheit im Zusammenbruch”. Wobei ich Zusammenbruch auch sinngemäß als Ungewissheit verstehe. Ungewissheit ist also schön. Warum nochmal?

Die Sache ist: Wenn ich an Dingen festhalten will, die ich gar nicht festhalten kann, tue ich mir vielleicht selbst keinen Gefallen. Denn ich schränke mich damit selbst ein. Ich beraube mich freiwillig meiner inhaltlichen und konkreten Freiheit – also im Kopf und auch im Alltag. Außerdem endet das Ganze zwangsläufig in einer Enttäuschung. Denn Festhalten ist eine Täuschung. Trotzdem will ich mich manchmal gerne täuschen.

Es gibt so vieles, das ich festhalten will
Es gibt so vieles, das ich gerne für immer festhalten will. Den jetzigen Moment, Sonnenaufgang am Meer, ein Sommerabend am Weserufer mit Freunden, tanzen, bis es draußen hell wird, ein entspanntes Sonntagsfrühstück, gute Gespräche, lange Freizeitepisoden, feste Freundschaften, schöne Familienerlebnisse, körperliche und geistige Fitness, Kreativitätsflow, das Gefühl, jung zu sein und dass mir noch so viel bevor und offen steht, das Gefühl, etwas geschafft zu haben, das Gefühl, ausgeschlafen zu sein, das Gefühl, im Einklang mit allem zu sein, das Gefühl, glücklich zu sein – und die Zeit mit dir.

Aber das geht nicht. Ich kann all das nicht festhalten und ich weiß nicht, was aus all diesen Dingen wird, ob sie bleiben, ob sie wiederkommen, was als nächstes passiert. Das macht mich traurig und unsicher. Die Ungewissheit zu akzeptieren und ihr offenen Herzens entgegenzusehen, kostet viel Mut.

Ja, Sonnenaufgänge und Sonntage kommen wieder ebenso wie vermutlich gute Gespräche und Sommerabende wiederkommen. Aber sie werden nie wieder dieselben sein. Genauso wie der jetzige Moment.

Friedenschließen mit Veränderung
Es folgen neue Momente, die genauso das Potential haben, alles zu werden. Wenn ich für immer in der Vergangenheit leben will, blende ich mögliche schöne, überraschende, heilsame, stärkende Entwicklungen und die Gegenwart und auch die Zukunft aus. Aber die Gegenwart wird sowieso zur Zukunft, dann kann ich ihr auch offen ins Gesicht sehen, sie mögen und Vertrauen haben.

Trotzdem ist das Festhalten wollen okay, sogar etwas Gutes und Wichtiges. Denn es ist vielleicht eine Art Qualitätssiegel für Momentaufnahmen, vielleicht ein Hinweis, auf dem richtigen Weg zu sein. Es bedeutet, dass etwas von Bedeutung ist. Und es ist in Form von Erinnerungen wie durch Bilder, Worte und Dingen ja auch nicht unmöglich.

Vielleicht bedeutet gutes Loslassen gar nicht, “nie festhalten-wollen”, sondern vor allem die Akzeptanz und in letzter Konsequenz sogar das Friedenschließen mit der Veränderung. Denn Leben bedeutet schließlich Veränderung. Und vielleicht bedeutet Loslassen, Vertrauen zu haben, dass wenn ein Moment vergeht, ein anderer guter an seine Stelle treten wird.

Und vielleicht ist Ungewissheit dann auch etwas Schönes, weil schöne Dinge bevorstehen und alles möglich ist. Und vielleicht ist dann wirklich alles okay.

Wer gut im Loslassen ist, hebe jetzt bitte die Hände. Okay, na toll, ich kann immer noch mit zehn Fingern tippen.

Mein Soundtrack zum Text: “Let go” – Frou Frou

Original:
http://www.stern.de/panorama/julia-engelmann/julia-engelmann-die-kunst-des-loslassens-2189773.html