12.07.2015

“Ich” statt “man”

Julia Engelmann

stern-Stimme Julia Engelmann wehrt sich gegen die sprachliche Distanzierung von der eigenen Person. Das “Ich” zu benutzen mache verwundbar, daher verwenden wir so häufig “man”. Von Julia Engelmann

Eigentlich sollte es diese Woche in diesem Text um etwas anderes gehen. (Mit etwas Negativem zu beginnen ist immer ganz prima, läuft bis jetzt). Allerdings bin ich beim Schreiben auf ein Thema gestoßen das mich schon eine halbe Ewigkeit beschäftigt: Die allgegenwärtige Angewohnheit, “man” synonym für “ich” zu benutzen. Und mit “synonym benutzen” meine ich eigentlich: “man” versteckt sich hinter der Allgemeinheit und distanziert sich sprachlich unnötig von sich selbst. Und mit “man” meine ich in diesem Fall: auch einige andere, vor allem aber mich.

Ich empfinde es als herausfordernd einen Text über dieses Thema zu schreiben, ohne dass ich dabei in das Fettnäpfchen trete, das ich mir grade liebevoll aufstelle. Ich tue es trotzdem, weil heute Sonntag ist. Die Sache ist: “Man” und “ich” ist nicht das Gleiche. Mit “man” treffe ich eine allgemeine Aussage und mit “ich” eine persönliche.
Das sind mögliche Fälle, in denen ich das “man” gut gebrauchen kann: Wenn ich über die Uni rede: “Man muss den Semesterbeitrag bis gestern bezahlen.” Oder über Benimmregeln: “Man nimmt die Dessertgabel nie vor Sonnenuntergang”. (Ich hab keine Ahnung von Knigge, aber so stell ich mir das vor) Oder über Gratiskugelschreiber: “Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul”. (Auch das kann eine Grauzone sein.) Wenn ich aber eine persönliche Aussage machen will, warum sollte ich dann die Allgemeinheit vorschieben? Dann kann ich auch von mir sprechen, müsste – ja, will(!) ich sogar. Mache ich aber allzu oft nicht. Wenn ich “man” statt “ich” sage ist das als ob ich ein Schutzschild-Joker hochhalte auf dem “Ich habe nichts mit mir zu tun” steht. Wenn ich “man” sage, mache ich mir vielleicht sogar etwas vor, ich beschönige Dinge und rede mir ein, passiver zu sein als ich bin. Das ist dann keine Frage meiner Sprache mehr, das ist eine Frage meiner Haltung.

“Man kann ja nicht aufhören”
Hier ein tagesaktuelles Beispiel aus meinem Leben: “Ich wollte gestern Nacht nicht mehr so lange Youtube-Videos schauen, aber wenn man einmal anfängt, kann man nicht mehr aufhören.” Und hier folgt meine Besprechung: Klar, kann ich mit dem Youtube-Video-Gucken aufhören, wann ich will! Die Wahrheit ist: ich wollte aber nicht! Weil ich hedonistisch auf dem Sofa rumgegammelt habe während meine Willenskraft neben mir ein Nickerchen abhielt. “Man kann ja nicht aufhören” ist nämlich mein Aphorismus für “Ich bin bequem”. Nur, weil es vielleicht auch noch jemand anderem so geht wie mir, wird daraus kein Naturgesetz. Denn es geht auch bestimmt immer jemand anderem anders. “Ich” zu benutzen macht mich verletzlicher, übernimmt Verantwortung und lässt weniger Platz zum Schummeln und Jammern. Ich bin damit nicht nur selber näher an mir und meiner Wahrheit dran – ich lasse auch andere näher an mich heran.

Und “Ich vermisse dich, weil wir uns schon so lange nicht gesehen haben” ist in meinen Augen schon um einiges hochwertiger als “Wenn man sich lange nicht sieht, vermisst man sich halt”. “Man muss das ja machen” ist übrigens ein weiterer, großartiger Klassiker-Satz, den ich mich schon oft sagen hab hören. Die Wahrheit ist aber meistens: “Ich will das.” Klar, manchmal meine ich auch “Ich will das nicht” – aber dann kann ich es entweder lassen oder mich aufgrund einer höheren Priorität doch dafür entscheiden, und damit will es ja indirekt doch. “Muss” und “will” ist nämlich auch nicht das Gleiche. Fazit: Ich will öfter “ich” sagen, wenn ich mich meine. Und öfter du, wenn ich dich meine. Weil ich auch will, dass ich dich oder mich meine. So. Das kann man sich ja mal durch den Kopf gehen lassen.

Mein Soundtrack zum Text: Käptn Peng – “Sie mögen sich” (“Man mag sich”)