Warum haben Führungskräfte automatisch Vorbildcharakter?

Neurowissenschaftlich erklärt: Das Gehirn braucht Vorbilder

Wie sieht das im Sport aus?

Im Sport wird demonstriert, wie harte Arbeit, Leistung und Erfolg anerkannt und belohnt werden. Die Regeln sind transparent – das Fairplayprinzip gilt gleichermaßen für Sieger wie Verlierer. Die klare Zielorientierung und mess­bare Ergebnisse wirken sehr motivierend. Nirgends liegen Glück und Unglück durch Sieg oder Niederlage so eng beieinander wie beim sportlichen Wettkampf.

 

Wir identifizieren uns mit unserem „Helden“ oder unserem Lieblingsteam. Wir fiebern mit, trauern bei Niederlagen und bejubeln Siege. Wir beobachten genau die Verhaltenswei­sen unserer Sportidole, bewundern ihren Mut und ihre Ent­schlossenheit. Der schier unbeugsame Wille, selbst in schwierigsten Situationen die richtige Entscheidung zu treffen und sich im Kampf um den Sieg durchzusetzen, fesselt uns.

Gerade diese außergewöhnlichen Charaktereigenschaften sind es, weshalb wir unsere Idole lieben. Und immer dann, wenn wir selbst neue Herausforderungen und Aufgaben zu bewältigen haben, hilft uns der Gedanke an unser Idol wei­ter.

Und wie sieht das in Unternehmen aus?

Die Grundidee der sportlichen Leistungsoptimierung und des Erreichens eines großen Ziels ist nahezu eins zu eins übertragbar auf ökonomische Ziele. Auch in Wirtschaftsun­ternehmen herrscht das Leistungsprinzip.

So wie „Sporthelden“ mittels Werbeslogans ins rechte Licht gesetzt werden kön­nen „The Winner takes it all!“ machen das auch Unternehmen mit ihren Produkten und Dienstleistungen.

Die gesellschaftliche Vorbildfunktion wirkt sich auch hier direkt auf erhöhte Umsätze aus. Welchen Nutzen ziehen Chefs noch aus den Tugenden des Sports?

Können Vorbilder unsere Gehirnentwicklung beeinflus­sen und wenn, wie spüren wir die Wirkung?

Das Gehirn selbst kann nicht fühlen. Es bedarf peripherer Messfühler, so genannter „somatischer Marker“, die über Emotionen wie Freude, Trauer oder Wut Feedback geben. Körperwahrnehmungen vermitteln uns ein Gefühl für richtige oder falsche Entscheidungen. Noch bevor der Verstand die Situation analysiert hat, stellt sich in Bruchteilen von Sekun­den unser Bauchgefühl ein. Uns schwillt der Kamm, wenn wir wütend sind. Wir gehen mit breiter Brust in einen Wett­kampf, und uns rutscht das Herz in die Hose vor Aufregung – solche oder ähnliche Metaphern drücken anschaulich unsere Empfindungen aus.

 

 

Der somatische Marker, d.h. der körperlich spürbare Entscheidungs­prozess ist evolutionär gesehen der älteste. Notwendiger­weise läuft er unvermittelt und automatisch ab.

In Urzeiten mussten unsere Vorfahren in Sekundenbruch­teilen entscheiden, ob sie einem Feind oder Freund gege­nüberstanden. Die Zeit zum Reflektieren und Abwägen war nicht gegeben. Wer zögerte und noch erst nachdenken wollte, lief im wahrsten Sinne des Wortes Gefahr, gefressen zu werden. „Fight or flight“, war die beste Überlebensstrate­gie. Noch heute springt im zivilisierten Menschen dieses System unterbewusst bei Stress an, wenn die Stresshormone Adrenalin und Cortisol unser Gehirn überfluten.

 

Kleine Zellen – große Gefühle: Die Spiegelneuronen

Ob wir einen Menschen als Vorbild wahrnehmen oder ihn sympathisch finden, dass entscheidet sich in Bruchteilen von Se­kunden. Es sind intuitive, unbewusste Erfahrun­gen, die im Großhirnbereich abgespeichert sind und schneller als der Verstand körperliche Empfindungen bzw. „Marker“ aktivieren.

Prof. Joachim Bauer erklärt dieses Phänomen wie folgt: „Intuition ist eine biologische Resonanz, die in uns entsteht, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken und ohne dass wir das kontrollieren können. Wir haben Spiegelnervenzel­len, die in uns eine Resonanz auslösen.“

 

Wie können wir das als Führungskraft nutzen?

Das Imitationslernen ist die Grundlage für die Weitergabe von Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsmustern. Die neurophysiologi­sche Grundlage dieser Identitätsbildung basiert auf dem Resonanzprinzip der Spiegelneuronen.

Unser aller Persönlichkeitsentwicklung basiert zunächst auf einfa­chen Wahrnehmungserfahrungen, die sich mehr und mehr herausdifferenzieren. So bilden sich, im täglichen Umgang mit den Mitarbeitern, ganz bestimmte Antwort- und Reaktionsmuster heraus. Über den Körper vermittelt, bilden sich sogenannte neuro­nale Netzwerke, die ein Spiegelbild dessen sind, was von uns erlebt wird. Es werden nach und nach typi­sche Erregungsmuster gebahnt, die sich durch Reizwieder­holung verfestigen. Diese Erregungsmuster hinterlassen individuelle strukturell verankerte Spuren im Gehirn.

 

Der bekannte und viel zitierte Neurologe und Hirnforscher Prof. Gerald Hüther von der Universität Göttingen definiert das Gehirn als Beziehungsorgan. In einem wissenschaftli­chen Aufsatz im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung stellt Prof. Hüther fest:  “Zum Zeitpunkt der Geburt hat das menschliche Gehirn zwar schon wichtige pränatale Erfahrungen verankert, aber es ist insgesamt noch unfertig.  Diejenige Hirnregion, die sich am langsamsten herausbildet, ist der präfrontale Cortex. Er ist in besonderem Maße durch das soziale Umfeld formbar.“

 

Thomas Fuchs, der angesehene Medizinprofessor und Neurowissenschaftler am Lehrstuhl für Psychiatrie und Philosophie von der Universität Heidelberg schlägt in die gleiche Kerbe. Für Fuchs erlangt das Gehirn erst durch seine Verbindung mit unseren Muskeln, Eingeweiden, Ner­ven und Sinnen, mit unserer Haut, unserer Umwelt und mit anderen Menschen zu seiner großen Bedeutung.

Prof. Fuchs führt weiter aus: „Das Gehirn ist der Mediator, der uns den Zugang zur Welt ermöglicht, der Transformator, der Wahrnehmungen und Bewegungen miteinander verknüpft.“  Zentral sei „nicht nur der Austausch mit seiner natürlichen Umwelt, sondern vor allem die Interaktion mit anderen Menschen.“

Zusammengefasst bedeutet das: Wir beeinflussen als Führungskraft unsere eigene und die Gehirnentwicklung unserer Mitarbeiter. Diese enorme Bedeutung sollte uns stets klar sein und unser Handeln, hinzu gelingenden Beziehungen leiten.

Vielleicht können Sie das als Chance sehen, gemeinsam zu wachsen und ein gutes Vorbild für ihre Mitarbeiter zu werden.

 

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